👩🍳 Restaurant Tim Raue**, 29.10.2026, Berlin Mitte

Aktualisiert: vor 1 Stunde
Meine Auszeit geht zu Ende. Das war eine lange Zeit, ich habe tolle Reisen unternommen, einiges gesehen von der Welt und viel erlebt.
Den Abschluss bzw. Übergang wollte ich gerne ein wenig zelebrieren und meine Wahl fiel auf Tim Raues 2-Sternerestaurant am Checkpoint Charlie.
In der Liste der 100 besten Restaurants der Welt steht es zudem auf Platz 58.
Die Nummer 1 in Lima geht gerade nicht; steht aber auf der Bucket Liste 😎
Eine Reservierung war kurzfristig möglich.
Zur Wahl stehen drei Menüs und das hat mich im Vorfeld schon beschäftigt, schließlich habe ich mich für Koi entschieden.
Im ebenerdigen Hauptbereich war alles belegt, so saß ich im Basement, also im Keller. Ich hatte einen gemütlichen kleinen Tisch in einer Ecke mit einer in die Wand eingelassenen Sitzbank und reichlich Kissen, die Beleuchtung war schummrig. Gemütlich. Mich empfing am Tisch eine handgeschriebene Karte in Form des Berliner Bären.
Ich bestellte mir einen Citrus Splash.
Das ist ein Getränk aus einer eigens von der Berliner Firma Mampe hergestellten Spirituose namens Citrus Blast Blossom mit Zitrone, Ingwer und Koriander, aufgegossen mit einer Zitronenlimonade von Thomas Henry, ebenfalls in Kooperation mit Herrn Raue hergestellt. Der Mann ist umtriebig. Das schmeckte ganz gut. Den Schnaps/Likör würde ich aber für 59€ nicht kaufen.
Den Auftakt machten nette Grüße aus der Küche:
Besonders interessant und schmackhaft waren der kühle Sud und der Letscho-Marshmallow.
Einiges war nett, aber durchschnittlich. Der Hähnchensalat. Die karamellisierte Walnuss (die Entenlebercreme darauf schmeckte nach nix). Die gelbe Bete.
Die Zitrone mit Relish war sehr gewöhnungsbedürftig; nicht verkehrt, aber auch nicht toll (ein bisschen wie marokkanische Salzzitrone in der Kombi, eher bitter).
Der erste Gang war ein dekonstruiertes grünes Curry. Hier sprachen mich die Texturen kindlich an (Kokoseiskugeln, Kokosschaum wie fluffig leichter süßer Speck, etwas zu viel davon, knusprige Kokosbaisers) und auch eine angenehm würzige Schärfe. Schmeckte gut und war interessant, das zu essen machte Spaß.
Bis hierher fiel mir auf, wie intensiv einzelne Aromen manchmal herausgearbeitet waren, Gurke z.B. war erstaunlich deutlich zu schmecken.
Gang zwei (Seehecht) war gut, ansprechend serviert und Gang drei (Minikohlroulade mit Farce von Jakobsmuschel) in Ordnung aber eher unnötig. Unspektakulär. Von der Jakobsmuschel habe ich in der Farce gar nichts geschmeckt. Es liegt nun in der Natur der Jakobsmuschel, einen sehr zarten Eigengeschmack zu haben, aber es hätte eben alles mögliche sein können. Laut Karte war auch Rindermark im Spiel. Hm. Ah ja.
Qualitativ war das tadellos, aber es hat mich weder überrascht noch umgehauen noch wollte ich den Teller ablecken. Texturen und Temperaturen waren ganz gut (insgesamt waren alle warmen Gerichte eher lau, bis auf die Schlegelchen vom Stubenküken, die heiß auf den Tisch kamen), alles war erstaunlich salzig.
Darauf angesprochen sagte die Service-Frau, das sei wohl Teil des Konzepts. Okay. Das habe ich noch nie gehört.
Nun wurde eine Schale aufgetragen, in der Garnelenstückchen lagen sowie Eierstich und allerlei andere Dinge, das wurde am Tisch mit einem zimmerwarmen Sud aufgegossen. Gut. Salzig. Nette Texturen. Weich, knusprig, chewy…
Dann folgten vier winzige Stubenkükenkeulen. Schön saftig und zart, aber hier wurde mir, obwohl ich ja immer gerne sehr würzig und salzig esse, die Intensität langsam doch zu viel.
Und wo hier zwei Sterne zu finden sein sollten, erschloss sich mir nicht. Das war sehr gut, traue ich mir aber auch zu.
Serviert wurde das auf einem bildschönen Teller der Serie Koi von ASA Select, natürlich auch in Kooperation mit Herrn R. hergestellt.
Der nächste Gang wäre Reh gewesen. In der Karte stand bleu gebraten und in einer Schublade meines Kopfes war abgelegt, dass das eher roh bedeutet.
Meine Bitte, es durchzugaren, wurde rundheraus abgelehnt, das würde nicht dem Konzept des Chefs entsprechen. Äh, na und?!
Später wurde mir erklärt, dieses Stück Reh würde durchgegart die Konsistenz von Schuhsohle haben. Na gut, überredet.
Die einzige Option war der Tausch gegen die Komponente eines der beiden anderen Menüs. Ich entschied mich für das Wagyu mit Borschtsch.
Das war ein gepökeltes Ochsenbäckchen und schmeckte für mich stark wie versalzenes Corned Beef mit salziger Sauce obendrauf, ich ließ die Hälfte zurück in die Küche gehen, das mochte ich gar nicht. Auch die Konsistenz sagte mir nicht zu, weich auf eine eher matschige, nicht zarte Art.
Die sogenannte Borschtsch war eine rote Essenz mit einigen Bete-Scheibchen, schön erdig. Und waren das vielleicht rohe oder leicht confierte Wachteleigelbe in der Suppe? Ich weiß es nicht, Größe und Konsistenz hätten gepasst. Aber geschmacklich war es eher neutral, vielleicht Sauerrahm 🤔
Zufällig ergab sich hier eine kleine Anlehnung an das Dessert-die rote Bete war mit Himbeere und Sauerrahm ergänzt.
Meine Bedienung, ein sehr netter junger Mann, kannte Corned Beef nicht. Ich musste fast laut lachen; gibt es Menschen, die nur mit Wagyu groß werden? Nee, im Ernst-ist das eine Generationensache? Kennen Leute unter 30 Corned Beef nicht? Ihr kennt das doch, oder? Ich liebe Corned Beef im Labskaus, köstlich 😋
Dann kam ein Zwischengang, mit einem dünnen Baiser obenauf, ein süßer Schaum, viel Passionsfrucht, etwas Grünes, frisch gemüsig Schmeckendes (das war Gurke, habe ich erfragt), eine Schicht hatte den Charakter eines Sorbets, das war seeehr lecker, das beste Gericht für mich. Überraschend, ungewöhnlich, erfrischend, sehr lecker.
Das reguläre Dessert war ein Teller mit Himbeere in verschiedenen Zuständen, Joghurteis und -dann wurde es interessant- knackigen, knusprigen hauchdünnen Anis-Chips und einer leicht öligen Anis-Essenz. Sehr gut.
Als Abschluss wurden mir noch drei Kleinigkeiten gereicht: ein Stück Ananas mit Chili, das mich direkt an einen Straßenstand in Bangkok katapultierte, wo es köstliche frische Ananas zu kaufen gab, die in der Plastiktüte geschnitten und einem mit einem extra Beutelchen Chilipulver und Salz zum Dippen gegeben wurde.
Ein Ananasgelee.
Zwei sehr leckere Kügelchen aus weißer Schokolade mit einer Limettencreme gefüllt.
Beim Bezahlen gab es dann noch eine kleine Tüte Bonbons für den Weg.
Der sehr nette Servicemann hatte den Cocktail nicht berechnet, weil ich so wenig glücklich mit dem Hauptgericht war.
Der Service war gut, unaufdringlich. Oft werde ich gedrängt, Alkohol zu bestellen oder irgendwas, was kostet, das ist hier gar nicht passiert, sehr angenehm (und erleichternd); mir wurde einfach immer wieder Wasser nachgeschenkt.
Das Essen war gut, nur nicht so gut dass ich nachvollziehen kann, warum es diese Auszeichnungen bekommen hat.
Ich würde nicht noch mal dort essen wollen.
Andere Gäste, am Nachbartisch, waren zum wiederholten Male da.
In die Brasserie Colette am KaDeWe, ebenfalls ein Restaurant von Tim Raue, deutlich günstiger, würde ich hingegen (nachdem ich schon zweimal dort war) auch gern ein drittes Mal gehen. Da hätte ich zwei, drei Teller durchaus ablecken wollen.
Wer war schon mal da? Mich interessieren dazu andere Meinungen.








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